Inclusive Design: Barrierearm Gendern

Erklärung

Einfache Sprache ist das meistgewünschte Accessibility-Feature und gendern erschwert das Textverständnis.

Erklärter Sinn des Genderns ist, dass alle Geschlechter an den gegenderten Stellen mitgedacht werden, die Ablenkung von den eigentlichen Inhalten ist also kein Nebeneffekt sondern Absicht.

Ob das nun Selbstzweck ist (nicht männliche Personen fühlen sich besser, ohne dass es einen weitergehenden Nutzen hat) oder ob es positive gesellschaftliche Auswirkungen hat (oder ob es gar schadet) ist bisher unbelegt.

Dennoch wird von Gegnern und Befürwortern sehr viel Energie in die Diskussion gesteckt, wo Studien zu Vorteilen und Nachteilen des Genderns hilfreich sind, herrschen Meinungen statt Wissen.

Eine Toilette mit Symbolen für Männer, Frauen, Transgender, Yetis und Außerirdische fordert per Schild alle zum Händewaschen auf
Was auch immer du bist – wasch bitte einfach Deine Hände!

Dabei sind einige Nachteile durchaus selbst erfahrbar. Insbesondere wenn die Konzentration aufgrund von Müdigkeit oder Stress bereits nachzulassen beginnt, sind die Varianten mit Satzzeichen in der Mitte von Worten Stolpersteine, an denen man geistig hängen bleibt. Um den eigentlichen Inhalt gegenderter Sätze zu verstehen muss man diese in solchen Momenten bisweilen wiederholt lesen (man spricht hier von einer situativen oder vorübergehenden Einschränkung).

Für nicht-Muttersprachler, Menschen mit kognitiven Einschränkungen, Screenreader-Nutzerinnen (diese bekommen z.B. „Nutzer Unterstrich innen“ vorgelesen) usw ist dies eine spürbare kognitive Mehrbelastung. Alle anderen lesen solche Texte langsamer und weniger ermüdungsfrei.

Dennoch wünschen sich durchaus auch Legasthenikerinnen als Frau sprachlich sichtbar zu sein.

Hier gilt es zwischen den unterschiedlichen Bedürfnissen abzuwägen.

Lösung

An wichtigen Stellen wie Überschriften, Links, Beschriftungen von Formular-Feldern, wo die Ablenkung durch das Mitdenken aller Geschlechter und/oder die Erschwerung des Lesens besonders problematisch ist, könnte möglichst oft auf Alternativen zurückgegriffen werden (Person statt Nutzer*in).

In längeren Fließtexten kann explizites Gendern dazu genutzt werden, Unterstützung für jene auszudrücken, die sich sonst nicht angesprochen fühlen würden. Da die oben genannten Probleme hier auch bestehen, sollten auch hier neutrale Formen genutzt werden, wo das sprachlich und inhaltlich vertretbar ist.

Blinden Menschen ist geholfen, wenn weibliche und männliche Form ausgeschrieben werden (https://www.dbsv.org/gendern.html), wobei diverse nicht explizit erwähnt werden.

Menschen mit Schwierigkeiten beim Lesen wird dadurch mehr Text aufgebürdet. Diesen und Menschen mit anderen kognitiven Einschränkungen wird geholfen, wenn die männliche Form zuerst genannt wird.

Insgesamt bleibt es ein Kompromiss. Die wenig störenden Varianten – allen voran das generische Maskulinum oder Femininum verbunden mit dem Hinweis, dass alle Menschen gemeint sind, drückt zwar Verständnis für die Wünsche aller Geschlechter aus, wird von den Befürwortern des Genderns aber mitunter als zu schwach empfunden (die offizielle Übersetzung der WCAG 2.1 wurde von einer Frau erstellt unter der Leitung einer Frau und man hat sich für das generische Maskulinum entschieden und einen Hinweis darauf, dass jeder Mensch gemeint ist).

Wirklich sichtbar und mitgedacht werden alle Geschlechter nur bei den störendsten Varianten mit Sonderzeichen mitten in den Worten.

Gut lesbar sind Texte nur für jene, die in der Lage sind „darüber hinweg zu lesen“ – was den Sinn wiederum konterkariert. Denn dann werden Geschlechter eben nicht mitgedacht.

Das gilt auch für die letzte Variante, die ich hier ansprechen möchte: zielgruppenspezifische Texte. Diese Möglichkeit sieht vor, dass Texte in Versionen für alle Geschlechter vorliegen und man sich einen für sich angenehmen Text aussuchen kann.

Das ist zwar im Prinzip das beste aus Sicht der Leserinnen, hilft jedoch nicht jene mit der Nase auf die Existenz aller Geschlechter zu stoßen, die so eine Erinnerung gut brauchen können.

Ob sich diese überhaupt durch Gendern umstimmen lassen würden oder ob Gendern bestehende Positionen verhärtet, gehört auch zu den Fragen, die wissenschaftlich geklärt werden sollten.

Was ich mir wünsche ist eine Diskussion über geschlechtergerechte Sprache, die auf persönliche Meinungen und Empfindungen verzichten kann und sich rational führen lässt.

Fazit

Barrierearm Gendern bleibt ein Kompromiss: nur wenn die unterschiedlichen Geschlechter maximal störend hervorgehoben werden, wird die gewünschte Wirkung erzielt, alle Geschlechter mitzudenken.

Als schwächste Form einer durchaus gendergerechten Sprache wird das generische Maskulinum angesehen, das aber häufig als ausschließend empfunden wird, selbst wenn das rational nicht begründbar ist, weil in einleitenden Hinweisen erklärt wird, dass ausdrücklich alle Menschen gemeint und angesprochen sind.

Sowohl die maximal störende Variante, als auch das eigentlich leicht verständliche generische Maskulinum führen inzwischen zu schwerer verständlichen Texten, weil das grammatikalische männliche Geschlecht bei emotionalen Personen dazu führen kann, sich über die fehlende explizite Erwähnung so sehr zu ärgern, dass das Textverständnis leidet.

Was derzeit fehlt ist echte geschlechtergerechte Sprache – gendern ist ein gescheiterter Versuch, der vermutlich mehr Nachteile als Vorteile mit sich bringt.

Es bedarf eines gesellschaftlichen Konsenses für eine inklusive Form. Ob das das generische Neutrum oder ein neues grammatikalisches Geschlecht sein kann, bleibt abzuwarten. Derzeit wissen wir nur, dass der Wunsch nach mehr Sichtbarkeit durch heute existierende Mittel nicht umgesetzt werden kann, ohne dass den schwächsten Lesern zusätzlich und ohne Schuld weitere Belastungen aufgebürdet werden.

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