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Umsetzung zugänglicher Webseiten

20131120-162814.jpgMan sollte nicht den Eindruck erwecken, es sei wahnsinnig
zeitaufwändig, zugängliche Webseiten zu erstellen. Nötig ist
eigentlich vor allem ein einmaliger Lernaufwand, damit man weiß,
wie es geht. Beispielsweise semantisch korrekte Auszeichnung: die
Tags zur Auszeichnung einer Überschrift schreiben sich nicht
langsamer als die für das Element strong. Man muss nur wissen, dass
strong eben nicht für die Auszeichnung von Überschriften geeignet
ist und wie es besser geht. Dasselbe gilt für die Verwendung von
header, main, blockquote, usw statt div. Auch zusätzliche Angaben
sind in aller Regel schnell gemacht. So soll die Hervorhebung von
angetabbten Links mindestens so deutlich sein, wie die
Hervorhebungen für Mausnutzer (:hover). In der Praxis bedeutet es,
dass ich einen langen Selektor wie main #content article a:hover
markiere, kopiere und ein zweites mal einfüge, hover durch focus
ersetze und ein Komma einfüge. Ergebnis: main #content article
a:focus, main #content article a:hover Dauer etwa 5-10 Sekunden.
Das ist selbst bei aufwändig durchgestylten Webseiten, an denen man
mehrere Tage entwickelt, selten mehr als zehn Mal nötig.
Gesamtaufwand maximal also eineinhalb Minuten. Nutzt man Vorlagen
wie HTML5-Boilerplate, hat man gleich jene ganze Reihe von Klassen
inklusive, die auch die Entwicklung zugänglicherSeiten erleichtern,
wie zum Beispiel visuallyhidden, um Texte nur für
Screenreadernutzer bereit zu stellen (oder falls mal CSS nicht
funktioniert). Mit einem durchdachten Workflow, klug gewählten
Vorlagen und Werkzeugen und dem nötigen Wissen entsteht dafür kaum
ein nennenswerter Mehraufwand. So ist es mit vielen Dingen.
Berücksichtigt man gleich beim Design ausreichende Kontraste und
gibt man für das Layout nicht pixelgenaue Breiten statt fluider
Spalten vor (was in Zeiten des responsiven Designs ohnedies
schwachsinnig ist), wie viel länger dauert das dann, wenn
überhaupt? Zugegeben, der Testaufwand steigt. Aber in Zeiten
responsiver Layouts ist auch das anteilmäßig nicht mehr so der
große Brocken. Es ist deutlich aufwändiger in allen Browser- und
(mobilen) OS-Kombinationen zu testen, als einen Test auf
Zugänglichkeit zu machen (der sich größtenteils in die anderen
Tests integrieren lässt). Viele Dinge, die für zugängliche
Webseiten vorgeschrieben sind, sind ohnehin nach W3-Standard nötig,
wie valides HTML, Verzicht auch veraltete Elemente und Attribute,
alt-Texte, semantische Elemente statt div und so weiter. Aufwändig
und teuer (und relativ nutzlos) sind dagegen Zusammenfassungen in
Leichter Sprache und Deutscher Gebärdensprache. Entweder man
„übersetzt“ alle Inhalte (de facto wohl nicht zu leisten) oder man
steht auch dazu und lässt es gleich ganz. Für mich sind diese
Forderungen der BITV (die ohnehin nur für die wenigsten Sites,
nämlich Portale verlangt werden) reine Alibi-Forderungen, um sagen
zu können, dass man Gehörlose und Menschen mit kognitiven
Einschränkungen auch ernst nimmt. Von daher kann ich auch ein Stück
weit verstehen, dass die Vertreter der diversen Behindertenverbände
behaupten, die BITV berücksichtige vor allem die Interessen von
Fehlsichtigen und Blinden. Nichtsdestotrotz: viele wesentliche
Verbesserungen sind schnell gemacht. Der zusätzliche Aufwand sollte
(für die einmaligen technischen und gestalterischen Aspekte) 10%
kaum überschreiten, selbst wenn es schon richtig gut gemacht wird.
Wenn man dazu noch bedenkt, dass bei zwei bis fünf Jahren der
Laufzeit einer Website der Dauerbetrieb deutlich mehr Ressourcen
verbraucht, sieht man, wie gering der Zusatzaufwand während der
gesamten Lebensdauer solch eines Projektes ist. Was ich aber nicht
verschweigen möchte, Sind inhaltliche (nicht technische)
Gesichtspunkte. Redakteure müssen einige Angaben machen, die für
zugängliche Webseiten vorgeschrieben sind, die aber die Nutzbarkeit
für jeden Leser erhöhen verbessern. Das sind beispielsweise
saubere, tippfehlerfreie Texte, die nach den Regeln der
entsprechenden Textgattung verfasst und sprachlich an die
Zielgruppe angepasst sind: Zitate sollen als Zitate ausgezeichnet,
Abkürzungen aufgelöst, fremdsprachige Texte übersetzt sein – alles
für jeden Webseitenbesucher und -Betreiber ein Gewinn. Denn auf
solche Webseiten kommt man gerne wieder. Das gilt auch für Tante
Google, die man mit den Auflösungen von Abkürzungen oder
Übersetzungen natürlich ebenfalls füttert und die Texte so
bewertet, als wären sie gut geschrieben (wichtiges zuerst, später
die Details und am Ende ein Fazit). Google ist sicher der häufigste
wiederkehrende „blinde“ Besucher der meisten Websites. Darum hat
auch der Betreiber einer Seite etwas davon, wenn diese Kriterien
der Zugänglichkeit berücksichtigt. Ganz zu schweigen davon, dass
man potentiell mehr Besucher erreicht, wenn man Menschen mit
Behinderungen nicht durch unüberwindbare Hürden vom Besuch der
eigenen Site abhält. Und letztendlich macht es einen Auftraggeber
oder Webseitenbetreiber sympathisch, wenn er Seiten für alle
erstellt. So kann man soziale Kompetenz demonstrieren.

Textskalierbarkeit im BITV-Test stärker an die WCAG anpassen?

Auf http://www.bitvtest.de ist ein Artikel mit dem Namen „Textskalierbarkeit im BITV-Test stärker an die WCAG anpassen?“ erschienen. In diesem Text wird darum gebeten, sich an der Diskussion zu beteiligen, ob der BITV-Test hinsichtlich Text-Zoom und Kontraste stärker an die WCAG angepasst werden sollte.

Zum Hintergrund: Die WCAG schreiben nicht ausdrücklich vor, dass Texte mittels Text-Zoom vergrößerbar sein müssen. Laut dem derzeitigen Wortlaut der WCAG könnte eine Webseite auch dann als barrierefrei eingestuft werden, wenn sich Texte nur mittels Page-Zoom vergrößern ließen. Da dies aber diverse Nachteile für Nutzer hat und Text-Zoom auch von den Betroffenen bevorzugt wird, ist dies ein Nachteil und praxisfern.

Ähnliches gilt für hohe Kontraste. Um diese zu erreichen genügt es laut WCAG irgendwo auf der Seite einen winzigen, theoretisch nutzbaren, in der Praxis aber nicht auffindbaren Button oder Link zu einer kontrastreicheren Version anzubieten.

Der BITV-Test  prüft dagegen auch die Skalierbarkeit von Texten mittels Text-Zoom und ob Kontrastumschalter prominent (am Seitenanfang) angeboten werden und geht damit über die praxisfernen Minimalanforderungen der WCAG hinaus.

Die Frage ist nun, ob es sinnvoll ist, sich zugunsten einer Annäherung an die WCAG über die tatsächlichen Bedürfnisse der Nutzer hinwegzusetzen und einen Test anzubieten, der zwar formal-bürokratisch korrekter zu sein scheint, aber an den Nutzern vorbei geht.

Hier einige Punkte, die ich (als Freund von Text-Zoom) zur Diskussion beisteuern möchte:

1.) Der BIK-BITV-Test prüft zunächst einmal, ob eine Seite die Ansprüche der BITV erfüllt und nicht die WCAG-Konformität. Natürlich sind BITV und WCAG sehr ähnlich, aber nicht identisch. Die BITV ist (für mich unverständlich) nicht einmal dort, wo es möglich wäre, identisch mit der offiziellen deutschen Übersetzung der WCAG. Vor allem aber fehlen der BITV die erläuternden Dokumente. Daher ist es im Einzelfall allein aus der BITV heraus gar nicht möglich zu sagen, wie getestet werden müsste, um zu überprüfen, ob eine Seite den Anforderungen genügt.

Hier kommt man meiner Meinung nach nur weiter, wenn man sich wie ein Gericht fragt, was die Intention des Gesetzgebers (BGG) gewesen ist. Und es dürfte wohl kein Zweifel da dran bestehen, dass die BITV eine bessere Bedienbarkeit von Webseiten für Menschen mit Einschränkungen erreichen möchte. Diese benutzen aber nun einmal vorzugsweise Text-Zoom.

Gestützt wird dies durch §2 der BITV, in dem ausdrücklich gesagt wird, wem die Verordnung nutzen soll:  „Die Gestaltung von Angeboten der Informationstechnik (§ 1) nach dieser Verordnung ist dazu bestimmt, behinderten Menschen im Sinne des § 3 des Behindertengleichstellungsgesetzes, denen ohne die Erfüllung zusätzlicher Bedingungen die Nutzung der Informationstechnik nur eingeschränkt möglich ist, den Zugang dazu zu eröffnen.“

Von daher sollte man es sich ruhig einmal zunutze machen, dass WCAG und BITV nicht identisch sind – zum Vorteil der Betroffenen, für die diese Verordnung ja nun einmal erlassen wurde.

2.) Da die Techniken nicht normativ sind, geben die WCAG es auch nicht her, dass eine Technik NICHT verwendet werden darf. Da Text-Zoom nun einmal die beste Möglichkeit ist, Texte zu vergrößern und der Page-Zoom nur eine Krücke, wenn eine Webseite schlecht gemacht ist, ist es nur recht und billig, ALLE in Browsern bereitgestellten Techniken zu prüfen. Gerade im Sinne der Praxisnähe, sollte der Text mit den von den Nutzern beliebteren Technik beibehalten werden und ggfs darauf verzichtet werden zu überprüfen, ob Page-Zoom funktioniert (obwohl ich das auch  regelmäßig nutze – zum Beispiel zur Vergrößerung von Grafiken) . Denn sowohl WCAG als auch BITV haben ja nun einmal den Anspruch, das Web für behinderte Menschen besser zu machen und die neuen Versionen 2.0 sollen ja einen begonnenen Weg weiterführen und nicht zu einer (partiellen) Verschlechterung beitragen.

Mehr geben die Texte der WCAG auch nicht her.

3.) Zugegebenermaßen etwas weiter ausholen muss ich für mein drittes Argument. Webseiten, die ein gutes oder sehr gutes Ergebnis im BITV-Test erreichen sind in aller Regel gut gemachte Webseiten, die zahlreiche Qualitätskriterien erfüllen, sowohl technischer, als auch redaktioneller Natur (valides HTML, eindeutige Dokumenttitel, um nur zwei Beispiele zu nennen).

Eine barrierefreie Seite nach BITV mit BIK-BITV-Test-Stempel „gut zugänglich“ oder besser, ist in fast allen mir bekannten Fällen eine gut gemachte Webseite, erstellt von Leuten, die weitestgehend wissen, was sie machen. Selbst wenn mal ein oder mehrere Prüfschritte nicht erfolgreich getestet werden können, ist dies in der Regel mit Bedacht und begründbar geschehen. Frei nach dem Motto: man muss die Regel kennen, um sie zu brechen.

Aus diesem Grund empfehle ich Entscheidern, die selber nicht die Möglichkeit in ihrer Organisationsstruktur haben, einen Katalog von Testkriterien zu erstellen, zumindest schon in ihren Ausschreibungsunterlagen den abschließenden BITV-Test zu verlangen und zwar die vollen hundert Punkte! Und das natürlich auch für Seiten, die nicht im Geltungsbereich der BITV liegen.

Zwar ist das oft unerreichbar (aus diversen Gründen), aber jeder nicht erfüllte Prüfschritt muss begründet werden (zum Beispiel mit technischem, finanziellem Aufwand oder konkurrierenden Vorgaben des Auftraggebers).

So erhält der Auftraggeber einen unabhängigen Prüfbericht und die Begründungen sollten nachvollziehbar und verständlich sein. So wird dem Auftraggeber klar, was der Auftragnehmer sich gedacht hat und kann besser entscheiden.

Natürlich ist der BITV-Test nicht hierfür gemacht, diese Vorgehensweise hat sich aber als praktikabel und sinnvoll erwiesen. So bekommt man eindeutig die besseren Agenturen und Freelancer!

Gerade der Text-Zoom hat auch für Menschen eine hohe Bedeutung, die eine Webseite zwar lesen können, aber nur mit unnötiger Anstrengung, was zu Lasten der allgemeinen Leistungsfähigkeit geht.

Daher ist der Text-Zoom z. B. gerade bei Werktätigen, zu deren Berufsbild es gehört, viel im Web unterwegs zu sein, ein klares Qualitätsmerkmal.

Für mich ein eher weiches Kriterium in Bezug auf Barrierefreiheit, aber ein klares Merkmal für eine gut gemachte Site, das seine Bedeutung (und Rechtfertigung) vor allem dadurch erhält, dass diese Funktion so sehr vielen Menschen Vorteile schafft (jedenfalls so lange „Webdesigner“ an der sinnvollen Standardschriftgröße der Browser (16px) rummanipulieren)!

4.) Außerdem ist der Text-Zoom ein hervorragendes Beispiel dafür, wie Menschen ohne Behinderungen von BITV-konformen Websites profitieren können.

Das alles gilt natürlich auch für Kontraste!

Diese Prüfschritte sollten daher unbedingt beibehalten werden, auch wenn gerade mein 3. Und 4. Argument den WCAG-Verantwortlichen irrelevant vorkommen mögen: Diese Prüfschritte sind gut und wichtig.

Die Vorteile hoher Kontraste und skalierbare Schriften sind leicht vorzuführende Merkmale von gut gemachten Webseiten, mit denen sich Entscheider vom Sinn der Barrierefreiheit überzeugen lassen und sie sind darum besonders wichtig für die Verbreitung barrierefreier Webseiten.

Es wäre absolut kontraproduktiv diese nicht mehr zu testen!

Besser die Working Group macht hier fällige Anpassungen, als BIK!

Apropos: Barrierefreiheit

Worauf kommt es beim barrierefreien Webdesign an?

Unter http://webdesign-passau.com/wordpress/behinderte-mit-einbeziehen-1/ stellt Klaus Scharwächter wichtige Aspekte vor.

Kurz und knapp richtige und wichtige Schritte auf dem Weg zur Barrierefreiheit – sicherlich die mit dem besten Aufwand-Nutzen-Verhältnis.

Dennoch möchte ich noch eine Seite nennen. Auf http://www.bitvtest.de/ wird ein Testverfahren beschrieben. Wenn man sich die 52 Prüfschritte samt Begründung, Verfahren und Prüfwerkzeug durchliest, kann man zum echten Experten werden: http://www.bitvtest.de/bitvtest/das_testverfahren_im_detail/pruefschritte.html

52 kurze Artikel – einer am Abend und in zwei Monaten ist man richtig fit!

Alles ist leicht verständlich beschrieben und die Seiten selber sind natürlich auch barrierefrei. Es gibt auch allerhand Anregungen für die weitere Lektüre und Stichworte, mit denen man mal seine Lieblingssuchmaschine füttern kann.

Zu guter letzt kann man einen Selbsttest als abschließenden Qualitätstest machen.

Wenn man sich die Seiten des Projektes Barrierefrei informieren und kommunizieren genau ansieht, versteht man auch, dass Barrierefreiheit ein hoher Qualitätsanspruch ist. Die Seiten sollen auf allen Browsern, vielen Bildschirmgrößen, mit ohne ohne JavaScript usw laufen.

Für mich ist das ein echt heißes Thema. Wer weiß schon auf Anhieb, wie viele Menschen Farbenblind sind? – Wer die aussperrt oder nicht, hat du eine Nutzerzunahme die das derzeitige Wirtschaftswachstum um das zweifache übertrifft! Sofort!

Kleine Schriftarten ärgern jeden, der über 50 ist – das gerade sind die Leute mit Geld. Deren Bedürfnisse nciht zu berücksichtigen wäre – vor allem für Shopbetreiber – so richtig dumm.

Und eine gut bedienbare Webseite, die verständlich formuliert ist und auf der man sich zurecht findet, ermuntert auch Menschen ohne Behinderung zum Wiederkommen. Von daher kann sich zugängliches Webdesign sehr schnell rechnen!

Außerdem gibt es ein gutes Buch von Angie Radtke und Michael Charlier: „Barrierefreies Webdesign. Attraktive Websites zugänglich gestalten“ wenn man es lieber auf Papier hat. Es ist zwar neu nicht mehr zu haben, aber noch gut zu bekommen.

Und wenn man es ganz genau wissen will, liest man sich die WCAG und BITV im Original durch – was das ist? Die Lieblingssuchmaschine verrät es!